Newsletter Female Shift September 2026
Gendermedizin: Präzision beginnt mit dem Unterschied
Warum geschlechtersensible Medizin alle betrifft – und weshalb die Medizin der Zukunft genauer hinsehen muss.
Wort der Präsidentin
Einige Fragen und Überlegungen zur Neutralität der Medizin.
Von der Jubiläumsfeier zur Gendermedizin
Ein Interview mit Susanne Dröscher: wer gestaltet die Zukunft der Medizin?
Wie verändern geschlechtsspezifische Erkenntnisse die Krebsmedizin – und was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?
Ein Überblick über unsere nächste Veranstaltung zum Thema Gendermedizin.
From Shift to Future: Wer schreibt die Regeln der KI?
Die Zukunft der KI und die Rolle des Menschen. Ein Bericht von Advance befasst sich mit diesem Thema.
News aus der Gendermedizin
Medizin ist nicht neutral, wenn sie Unterschiede nicht kennt
Medizin ist dann wirksam, wenn sie den Menschen in seiner ganzen Unterschiedlichkeit versteht.
Lange galt der männliche Körper in Forschung und Klinik als Norm. Was davon abwich, wurde häufig als Sonderfall behandelt. Das hatte Folgen: Frauen wurden in klinischen Studien zu wenig berücksichtigt, Symptome anders bewertet und Risiken unterschätzt.
Doch auch Männer profitieren von einer Medizin, die genauer hinsieht. Denn Krankheiten zeigen sich nicht bei allen Menschen gleich. Prävention, Diagnose und Therapie müssen Unterschiede berücksichtigen, statt sie zu glätten.
Was heute unter dem Begriff Gendermedizin zusammengefasst wird, ist deshalb kein Spezialthema für Frauen. Es geht um eine bessere und präzisere Gesundheitsversorgung für alle.
Eine Frau, die ihrer Zeit voraus warBereits im 18. Jahrhundert stellte die italienische Wachsbildnerin Anna Morandi Manzolini eine Frage, die bis heute aktuell ist: Wie unterscheiden sich weibliche und männliche Körper – und was bedeutet dieses Wissen für die Medizin?
In Bologna fertigte Manzolini anatomische Modelle aus Wachs an. Sie zeigte, dass der weibliche Körper nicht einfach eine Variante des männlichen ist. Er folgt einer eigenen physiologischen Logik.
Ihre Arbeiten waren präzise, mutig und für ihre Zeit höchst ungewöhnlich. Trotzdem gerieten viele ihrer Erkenntnisse über Generationen in Vergessenheit.
Die Geschichte von Anna Morandi Manzolini zeigt: Fortschritt scheitert nicht immer am fehlenden Wissen. Manchmal scheitert er daran, dass vorhandenes Wissen nicht ernst genommen wird.
Heute stehen wir vor einer ähnlichen Aufgabe. Wir müssen Forschung, Klinik und Ausbildung so weiterentwickeln, dass geschlechtsspezifische Unterschiede systematisch berücksichtigt werden.
Präzisionsmedizin beginnt dort, wo wir aufhören, Unterschiede als Abweichung zu behandeln.
Von der Jubiläumsfeier zur Gendermedizin
Auch die Gespräche, die wir an unserem Jubiläumsevent geführt haben, führen direkt zu dieser Frage: Wer gestaltet die Zukunft der Medizin – und welches Wissen fliesst in diese Gestaltung ein?
Das Interview mit Susanne Dröscher bietet dafür einen besonders guten Brückenschlag. Als Entwicklerin medizinischer Geräte macht sie sichtbar, wie eng technische Innovation, Daten und medizinische Versorgung miteinander verbunden sind.
„Für wen bauen wir das – und warum?“
Diese Frage aus unserem Gespräch mit Susanne Dröscher bringt einen zentralen Gedanken unserer neuen Veranstaltungsreihe auf den Punkt. Gerade im Gesundheitsbereich entscheidet sich an dieser Frage, ob Innovation tatsächlich den Menschen dient, für die sie entwickelt wird.
Zitat von Frau Dröscher selbst: „Unsere Nutzer*Innen sind mehrheitlich Frauen, denn das Alter ist weiblich. Gebaut wird die Technologie aber überwiegend von jüngeren Männern. Solch eine Distanz lässt sich über regelmässigen engen Austausch in Gesprächen, Nutzertests oder auch ein diverses Team verringern.“
Eine Lösung ist nur dann gut, wenn sie die Realität der Menschen abbildet, für die sie entwickelt wird. Das gilt für medizinische Geräte ebenso wie für Forschung, Diagnostik und künstliche Intelligenz.
Wir werden einzelne Interviews aus dem Jubiläum im Zusammenhang mit unserer neuen Veranstaltungsreihe erneut aufgreifen. Denn Zukunft entsteht nicht in einzelnen Disziplinen. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.
Um noch einmal Susanne Dröscher zu zitieren: „Es geht nicht um weibliche gegen männliche Eigenschaften. Empathie und Geduld, Fokus und Logik – das sind menschliche Qualitäten, keine Geschlechter. Es geht darum, dass beide Seiten mitentwickeln. Denn die Zukunft, die wir heute bauen, wird nur dann für alle lebenswert, wenn auch alle sie mitgestalten.“
Wie verändern geschlechtsspezifische Erkenntnisse die Krebsmedizin – und was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?
Wir freuen uns sehr, Sie zur Auftaktveranstaltung unserer neuen FemaleShift Veranstaltungsreihe «Gendermedizin» einzuladen.
Montag, 16. November 2026
17.00 bis 20.30 Uhr
Uniturm, Universität Zürich
Zum Event: https://www.femaleshift.org/events-2/den-gender-gap-in-der-onkologie-schliessen/
Warum sollten Sie teilnehmen?
Die Medizin entwickelt sich rasant – doch viele Diagnosen und Therapien basieren bis heute auf Studien, in denen Frauen unterrepräsentiert waren. Gleichzeitig zeigt die Forschung immer deutlicher: Geschlecht beeinflusst Krankheitsrisiken, Symptome und das Ansprechen auf Therapien. Gerade in der Onkologie eröffnet dieses Wissen neue Möglichkeiten für eine präzisere und wirksamere Behandlung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Gendermedizin relevant ist, sondern wie schnell diese Erkenntnisse ihren Weg in Forschung, Ausbildung und klinische Praxis finden.
Freuen Sie sich auf zwei ausgewiesene Expertinnen
PD Dr. med. Dr. phil. Berna Özdemir
Medizinische Onkologin am Inselspital Bern und international anerkannte Expertin für Gendermedizin in der Onkologie.
Dr. med. Bettina Balmer
Nationalrätin und Fachärztin für Kinderchirurgie. Sie beleuchtet die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen für eine geschlechts- und gendersensible Gesundheitsversorgung.
Im Dialog
Gemeinsam diskutieren wir, wie wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die medizinische Praxis überführt werden können und welche Rolle Medizin, Forschung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dabei spielen.
Freuen Sie sich auf einen inspirierenden Abend mit spannenden Vorträgen, einer Podiumsdiskussion und der Möglichkeit, sich mit Expertinnen und Experten sowie interessierten Gästen auszutauschen.
Die Plätze sind begrenzt.
Melden Sie sich noch heute an und sichern Sie sich Ihren Platz.
From Shift to Future: Wer schreibt die Regeln der KI?
Künstliche Intelligenz kann grosse Datenmengen auswerten. Sie kann Muster erkennen und Entscheidungen vorbereiten. Sie entscheidet aber nicht selbst, welche Daten relevant sind, welche Kriterien gelten oder welche Risiken akzeptabel sind.
Das bestimmen Menschen.
Deshalb schafft KI nicht automatisch eine gerechtere oder bessere Zukunft. Sie kann bestehende Lücken sichtbar machen. Sie kann sie aber auch mit hoher Geschwindigkeit weitertragen.
Die Frage, wie sich technologische Entwicklung und gesellschaftliche Verantwortung verbinden lassen, ist von grösster Aktualität.
Denn die Spielregeln der Zukunft werden gerade geschrieben und es ist nicht egal, wer am Tisch sitzt. Die entscheidende Frage lautet daher: Wer gestaltet die Strategien, Regeln und Entscheidungen hinter der KI?
Wenn Frauen an diesen Prozessen fehlen, fehlen wichtige Erfahrungen und Perspektiven. Das betrifft nicht nur Technologie. Es betrifft auch Medizin, Arbeitswelt, Forschung und politische Entscheidungen.
Der neue Report von Advance zur KI-gestützten Transformation der Arbeitswelt greift einige Fragen auf, die auch an unserem Jubiläums Event diskutiert wurden.
Zusammengefasst deutet die Analyse auf drei potentielle strukturelle Asymmetrien hin:
Bestehende Tätigkeitsfelder:
Die prognostizierte Automatisierung bis 2030 ist für Frauen und Männer insgesamt vergleichbar, wobei sie bei Männern etwas höher ausfällt. Die Verteilung auf verschiedene Berufe führt jedoch zu unterschiedlichen Risiko- und Chancenprofilen. Entsprechende Maßnahmen müssen daher die spezifischen betroffenen Tätigkeitsbereiche und Berufe berücksichtigen – etwa die Büroarbeit, in der Frauen überrepräsentiert sind, sowie den Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie, in dem Männer überwiegen.
Aufkommende Tätigkeitsfelder:
Der Pool an qualifizierten Arbeitskräften für technische Bereiche ist nach wie vor stärker männlich geprägt, doch viele neue Chancen gehen über klassische MINT-Profile hinaus. Wer letztlich Zugang zu neuen technischen und nicht-technischen Positionen erhält, hängt davon ab, wie die entsprechenden Karrierewege gestaltet werden.
Hierarchiestufe:
Die geringere Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen könnte dazu führen, dass sie stärker von Veränderungen bei Tätigkeiten auf niedrigeren Ebenen betroffen sind; zudem entsteht dadurch ein zusätzliches Risiko für die Nachwuchsentwicklung.
Keines dieser Szenarien ist zwangsläufig vorgegeben. Jedes einzelne wird durch Entscheidungen zur Gestaltung der Belegschaftsstruktur beeinflusst.
Die Studie nennt daher folgende Handlungsaufforderung:
Massnahmen zur Umschulung und Unterstützung beim beruflichen Wandel sollten gezielt auf jene Berufe ausgerichtet werden, die den stärksten Veränderungen unterliegen – etwa Büroberufe mit hohem Frauenanteil sowie technische Support- oder IT-Tätigkeiten mit hohem Männeranteil.
Fazit:
Wie Unternehmen und Mitarbeitende den Wandel der Arbeitswelt gestalten, wird entscheidend dafür sein, ob KI zur Verringerung oder Vergrößerung von Geschlechterunterschieden in der Schweizer Wirtschaft beiträgt.
News aus der Gendermedizin
Swiss Gender Symposium 2026
Am 26. und 27. Oktober 2026 treffen sich in Bern Expertinnen und Experten aus Klinik, Forschung und Praxis zum Swiss Gender Symposium 2026.
Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen und offene Fragen der Gendermedizin. Wie lassen sich Forschungslücken schliessen? Wie kommt neues Wissen schneller in die klinische Praxis? Und welche Verantwortung tragen Institutionen?
Forschung mit wachsender Bedeutung
Die Publikation Scientific Research, Global Health, and Gender Gaps: A New Data Infrastructure wurde für den DRUID26 Best Paper Award nominiert.
Die Nominierung zeigt, dass Gender Data und Forschungslücken zunehmend als wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Themen wahrgenommen werden.
Frauenherzklinik am Universitätsspital Zürich
Der Aufbau der Frauenherzklinik am UniversitätsSpital Zürich schreitet voran. Ziel ist es, geschlechtsspezifische Unterschiede in der kardiovaskulären Versorgung gezielter zu berücksichtigen.
Damit entsteht ein wichtiger Beitrag zu einer Medizin, die nicht nur behandelt, sondern genauer diagnostiziert und besser vorbeugt.
Wissen in die Praxis bringen
Auch das CAS Gender Medicine entwickelt sich kontinuierlich weiter. Fachpersonen erhalten dort praxisnahes Wissen für eine geschlechtersensible Versorgung.
Das ist entscheidend. Erkenntnisse verändern die Medizin erst dann, wenn sie in Ausbildung, Klinik und tägliche Entscheidungen einfliessen.





