Newsletter Female Shift März 2026
Wort der Präsidentin
Wort der Präsidentin — Zum zehnjährigen Jubiläum richtet FemaleShift den Blick nach vorn: Wie wird KI den gesellschaftlichen Wandel für Frauen prägen?
Der Frauengesundheitslücke auf der Spur
Warum Frauen trotz längerer Lebenserwartung deutlich mehr Jahre in schlechter Gesundheit verbringen.
UN Women
Wie KI zur Chance für Gleichstellung wird, wenn sie inklusiv gestaltet ist.
Porträt: Mirjana Spoljaric Egger
Die IKRK-Präsidentin über Neutralität, Verantwortung und humanitäres Völkerrecht in fragmentierten Zeiten.
Buchempfehlung
Eine tiefgründig recherchierte Untersuchung darüber, wie strukturelle Geschlechterdiskriminierung die frühe britische Computerindustrie entscheidend geschwächt hat.
Wort der Präsidentin
Zehn Jahre. Und die Frage, die bleibt.
Liebe Leserin, lieber Leser
Zehn Jahre sind keine Selbstverständlichkeit. Zehn Jahre FemaleShift bedeuten zehn Jahre Überzeugung, dass es einen Unterschied macht, wer am Tisch sitzt — und wer das Gespräch führt.
In diesem Jubiläumsjahr richten wir den Blick nach vorn. Nicht weil das Vergangene nicht zählt, sondern weil uns die Gegenwart dazu zwingt: Künstliche Intelligenz verändert gerade alles — wie wir arbeiten, wie wir lernen, wie wir entscheiden. Und wie immer stellt sich dabei die entscheidende Frage: Für wen?
KI ist so fair oder so blind wie die Daten, auf denen sie lernt. Wenn diese Daten eine Welt abbilden, in der Frauen als Ausnahme gelten — in der Medizin, in der Technologie, im Arbeitsmarkt —, dann reproduziert KI genau diese Welt. Das ist kein technisches Problem. Das ist unseres.
Deshalb wird KI unser Fokusthema für 2026 sein. Nicht als Angstthema, sondern als Einladung: Wer gestaltet die Zukunft — und mit welchen Perspektiven?
Den Auftakt machen wir an unserem Jubiläumsevent am
22. Juni 2026 · From Shift to Future
Vier Frauen, die in ihren Feldern denken, wo andere noch zögern: Sonja Wollkopf Walt, Dr. Susanne Dröscher, Karin Frick und Lisa Garretts geben Einblick in Innovation, menschzentrierte Technologie und die Trends, die den Female Shift in den nächsten Jahren prägen. Zur Veranstaltung & Anmeldung
Wie gewohnt findet vorgängig unsere Generalversammlung statt. Ich freue mich, Sie am 22. Juni persönlich zu begrüssen.
Einen guten Start in den Frühling und schöne Ostertage
Ilda Ferro
KI und Gesundheit sind kein getrenntes Thema. Wer mit Daten arbeitet, die Frauen strukturell unsichtbar machen, baut Ungleichheit in die Zukunft ein. Ein konkretes Beispiel:
FOKUSTHEMA
Der Frauengesundheitslücke auf der Spur
Frauen leben länger — aber nicht besser. Rund 25% mehr Lebensjahre verbringen sie in eingeschränkter Gesundheit. Das ist keine biologische Zwangsläufigkeit, sondern die Folge eines Systems, das Frauen jahrzehntelang als Ausnahme behandelt hat.
Am Global Health Summit 3.0 im Dezember 2025 in Basel nahm Christoph Nabholz, Vorstandsmitglied des ThinkTanks FemaleShift, an einer sektorübergreifenden Podiumsdiskussion teil. Gegenstand: Wie kann Inklusivität systematisch in die Architektur globaler Gesundheitssysteme integriert werden?
Die Diskussion folgte einem systemischen Ansatz und beleuchtete die Hebel von Politik, Versicherungen, Arbeitgebern, Forschung, Industrie und Investoren. Im Mittelpunkt stand eine Erkenntnis, die zunehmend an Bedeutung gewinnt: Die gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen sind in Forschung, Finanzierung und Versorgung weiterhin strukturell unterpriorisiert.
Zwei Dimensionen, ein Problem
Das Panel differenzierte zwischen Lebensspanne (Lifespan) und Gesundheitsspanne (Healthspan). Frauen verbringen rund 25% mehr Lebensjahre in eingeschränkter Gesundheit — und diese Belastung konzentriert sich nicht auf das höhere Alter, sondern zieht sich durch den gesamten Lebensverlauf. Mehr als ein Drittel der globalen Frauengesundheitslücke ist auf lediglich neun Krankheitsbilder zurückzuführen, darunter Endometriose, Migräne und die Menopause — Erkrankungen, die nicht lebensbedrohlich sind, aber erhebliche Einschränkungen über lange Zeiträume verursachen, insbesondere im erwerbsfähigen Alter.
Was es braucht
Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion: der Mangel an belastbaren, geschlechterdifferenzierten Daten. Ohne sie bleibt strukturelle Ungleichheit unsichtbar — in der klinischen Forschung, in Routinedaten und in digitalen Gesundheitsanwendungen. Beispiele aus den Niederlanden und den nordischen Ländern zeigen jedoch, dass geschlechtersensible Versorgungs- und Versicherungsmodelle umsetzbar sind und kurzfristige gesundheitsökonomische Effekte erzielen können.
„Ohne geschlechterdifferenzierte Daten bleibt strukturelle Ungleichheit im Gesundheitssystem unsichtbar.“
Dr. Christoph Nabholz, RiskInsight Consulting
Die Schlussfolgerung des Panels: Der notwendige Entwicklungsschritt führt von Sensibilisierung hin zur strukturellen Umsetzung. Systemischer Wandel erfordert Zusammenarbeit über Sektorgrenzen hinweg, belastbare Daten und Verantwortlichkeit bei allen Akteuren.
PERSPEKTIVE
Wie KI zur Chance für Gleichstellung wird
Künstliche Intelligenz ist nicht neutral. Sie kann Stereotype zementieren — oder sie kann sie aufbrechen. Was den Unterschied macht? Wer sie gestaltet, mit welchen Daten, und mit welchem Auftrag.
Im Januar 2025 hat UN Women eine richtungsweisende Publikation vorgelegt, die beleuchtet, wie KI zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter beitragen kann — unter der Bedingung, dass sie geschlechtergerecht und inklusiv gestaltet wird.
Die Kernbotschaft: Weder Regierungen noch die Privatwirtschaft können diese Herausforderung allein meistern. Es braucht enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Technologieunternehmen, Zivilgesellschaft und Forschung, um KI-Systeme sicher, inklusiv und gerecht zu gestalten. Das schliesst explizit die digitale Teilhabe von Frauen ein — von der Grundkompetenz bis zur Führung in KI-Berufen.
UN Women fordert ausserdem, dass KI-Governance Gender-Dimensionen systematisch berücksichtigt: klare Richtlinien zur geschlechtergerechten Datenerhebung, Transparenz in Algorithmen und Verantwortlichkeit in KI-Systemen. Die Privatwirtschaft — insbesondere Technologieunternehmen — wird dabei als entscheidender, nicht delegierbarer Partner adressiert.
Fazit: KI ist kein Selbstläufer für Gleichstellung. Sie ist ein Spiegel. Was wir hineingeben, bekommen wir zurück — verstärkt.
Wer gestaltet die Welt, wenn sie aus den Fugen gerät? Manchmal braucht es dafür eine Person, die genau dort hinsieht, wo andere wegschauen.
PORTRÄT
Mirjana Spoljaric Egger — Neutralität als Haltung
Die internationale Ordnung befindet sich in einer Phase tiefgreifender Verschiebungen. Inmitten dieser Dynamik übernimmt Mirjana Spoljaric Egger Verantwortung — als Präsidentin des IKRK, als Stimme der humanitären Diplomatie, als Frau, die gelernt hat, zwischen zwei Welten zu stehen.
Seit Oktober 2022 steht die Schweizer Diplomatin an der Spitze des International Committee of the Red Cross — einer Institution, die weltweit in bewaffneten Konflikten Hilfe leistet und das humanitäre Völkerrecht schützt. Geboren 1972 in Ludbreg (Kroatien), wuchs Spoljaric Egger zwischen zwei Kulturen auf: Die Familie stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, aufgewachsen ist sie in der Schweiz. Dieser Hintergrund — geprägt von der Erfahrung eines zerfallenden Europas und den späteren Balkankriegen — formte ihr Interesse an internationaler Politik und Konfliktlösung früh und dauerhaft.
Nach Studien in Philosophie, Wirtschaft und internationaler Politik begann sie eine Karriere im diplomatischen Dienst der Schweiz. Als Botschafterin bei den UN in New York und Staatssekretärin im Aussendepartement erarbeitete sie sich den Ruf einer ruhigen, strategischen Verhandlerin mit starkem Fokus auf multilaterale Zusammenarbeit.
Als IKRK-Präsidentin führt sie heute eine Organisation mit tausenden Mitarbeitenden in Konfliktgebieten — von der Ukraine bis zum Sudan. Ihre zentrale Botschaft ist konsequent: Humanitäres Völkerrecht müsse auch in einer zunehmend fragmentierten Welt verteidigt werden. Sie warnt davor, dass zivile Infrastruktur, medizinisches Personal und Gefangene in modernen Kriegen immer häufiger übersehen werden.
Ihr Führungsstil gilt als analytisch, diskret und beharrlich. Ihr Anspruch: Neutralität nicht als Schwäche verstehen, sondern als die einzige Voraussetzung, um Menschen auf allen Seiten eines Konflikts helfen zu können.
Es ist wohl nicht immer einfach, den für eine solche Funktion nötigen Optimismus zu bewahren. Im SRF Eco Talk gibt sie Einblick in ihre Haltung — und in das, was Führung bedeutet, wenn die Welt sich gleichzeitig beschleunigt und fragmentiert.
Und wer verstehen will, warum KI-Systeme heute blinde Flecken für Frauen haben, findet in diesem Buch eine erschreckend aktuelle Antwort — obwohl es über die 1960er schreibt:
BUCHEMPFEHLUNG
Programmed Inequality — Mar Hicks
Eine tiefgründig recherchierte Untersuchung darüber, wie strukturelle Geschlechterdiskriminierung die frühe britische Computerindustrie entscheidend geschwächt hat.
Die Historikerin Mar Hicks zeigt, wie Frauen — einst zentrale Akteurinnen in der Entwicklung der IT — systematisch marginalisiert wurden und welchen makroökonomischen Schaden diese Ausgrenzung anrichtete. Anhand bisher unveröffentlichter Archive, Interviews und politischer Analysen dekonstruiert das Buch die Vorstellung einer neutralen technologischen Meritokratie.
Für alle, die sich für Geschlechtergerechtigkeit in Technologie, Arbeitsmarktgeschichte und Zukunftsstrategien interessieren: kein historisches Artefakt, sondern ein Weckruf. Weil sich Muster wiederholen — wenn man sie nicht benennt.
Mar Hicks, Programmed Inequality. MIT Press, 2017.
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