Der Frauengesundheitslücke auf der Spur
Am Global Health Summit 3.0 im Dezember 2025 in Basel nahm Christoph Nabholz, Vorstandsmitglied des ThinkTanks FemaleShift, an einer sektorübergreifend zusammengesetzten Podiumsdiskussion im Rahmen des Themenstrangs Blueprints for Systemic Change teil. Gegenstand der Diskussion war die Frage, wie Inklusivität systematisch (by design) in die Architektur globaler Gesundheitssysteme integriert werden kann. Aus Sicht von Versicherung und Daten wies das Panel auf eine strukturelle Herausforderung hin, die zunehmend an Bedeutung gewinnt: Die gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen sind in Forschung, Finanzierung und Versorgung weiterhin unzureichend berücksichtigt.
Die Diskussion erfolgte vor dem Hintergrund zentraler demografischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, insbesondere der Alterung der Bevölkerung, sinkender Geburtenraten sowie zunehmender Unfruchtbarkeit. Diese Entwicklungen rücken die Gesundheit von Frauen in den Fokus langfristiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. In diesem Kontext bezog sich das Panel auf den Blueprint to Close the Women’s Health Gap, eine Publikation des World Economic Forum in Zusammenarbeit mit dem McKinsey Health Institute2. Die Studie zeigt auf, dass Frauen – trotz höherer Lebenserwartung – rund 25% mehr ihrer Lebenszeit in eingeschränkter Gesundheit verbringen als Männer1, wobei sich diese Belastung über den gesamten Lebensverlauf erstreckt und nicht primär auf das höhere Lebensalter konzentriert. Die gezielte Reduktion dieser Krankheitslast würde nicht nur die Gesundheit und Lebensqualität von Millionen Frauen verbessern, sondern könnte gemäss McKinsey Health Institute die globale Wirtschaftsleistung bis 2040 um 1 Billion US-Dollar pro Jahr1 steigern.
Quelle: Anita Hegge, Founder Hvild AS
Ein zentrales Ergebnis der Diskussion war die Differenzierung zwischen zwei eng miteinander verknüpften Dimensionen gesundheitlicher Ungleichheit: der Lebensspanne (Lifespan) und der Gesundheitsspanne (Healthspan). Mehr als ein Drittel der globalen Frauengesundheitslücke ist auf lediglich neun Krankheitsbilder zurückzuführen. Fünf dieser Krankheitsbilder betreffen primär die Lebensspanne und führen zu vorzeitiger Mortalität, darunter insbesondere die ischämische Herzkrankheit als häufigste Todesursache bei Frauen weltweit sowie Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs, hypertensive Schwangerschaftserkrankungen und postpartale Blutungen2.
Kosten- und Krankheitslast
Im Jahr 2022 beliefen sich die Gesundheitsausgaben in der Schweiz insgesamt auf CHF 91,5 Mrd.; rund 55 % davon entfielen auf Frauen. Zugleich leben 55% der Frauen mit mindestens einer chronischen Erkrankung, gegenüber 44% der Männer.
Healthspan-Lücke
Frauen verbringen rund 25% mehr Lebensjahre in eingeschränkter Gesundheit. Mehr als ein Drittel der globalen Frauengesundheitslücke ist dabei auf lediglich neun Krankheitsbilder zurückzuführen, darunter die Menopause (weltweit rund 450 Mio. Frauen gleichzeitig betroffen), Migräne (etwa 21% der Frauen weltweit) und Endometriose (rund 10% der Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren).
Daneben spielen vier Krankheitsbilder eine wesentliche Rolle, die vorwiegend die Gesundheitsspanne beeinträchtigen: Menopause, prämenstruelles Syndrom, Migräne und Endometriose2. Diese Erkrankungen sind in der Regel nicht lebensbedrohlich, verursachen jedoch erhebliche Einschränkungen über lange Zeiträume hinweg, insbesondere während des erwerbsfähigen Alters. Weltweit sind zu jedem Zeitpunkt über 450 Millionen Frauen von der Peri- und Menopause betroffen2, Migräne betrifft rund 21% aller Frauen2, und Endometriose mindestens eine von zehn Frauen im reproduktiven Alter2, häufig verbunden mit mehrjährigen Diagnoseverzögerungen. In der Gesamtheit führen diese Krankheitsbilder zu langfristiger Morbidität, Produktivitätsverlusten und erhöhten lebenslangen Gesundheitskosten, die in gängigen gesundheitsökonomischen Kennzahlen nur unzureichend abgebildet sind.
Das Panel vereinte Vertreterinnen und Vertreter aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitsökosystems. An der Diskussion nahmen (in der Reihenfolge des Erscheinens auf dem Bild), Thao Nguyen (Equal Care), Susanne Uhlmann (Deloitte), Judith Harvie (IQVIA), Christoph Nabholz (RiskInsight Consulting), Anita Hegge (Hvild), sowie Moderator Alain Bindels (Basel Investor Forum) teil. Das Panel wurde von Sabine Krenn und Beatriz Garcia Armendariz von Roche ausgerichtet. Die Diskussion folgte bewusst einem systemischen Ansatz und beleuchtete die jeweiligen Hebel von Politik, Versicherungen, Arbeitgebern, Forschung, Industrie und Investoren.
Aus Sicht von Christoph Nabholz ist die Unterscheidung zwischen Lebensspanne und Gesundheitsspanne von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung von Gesundheitssystemen. Historisch lag der Fokus der Systeme primär auf der Reduktion von Mortalität, während chronische, die Lebensqualität beeinträchtigende Erkrankungen von Frauen vergleichsweise gering priorisiert wurden. Dieses sogenannte Male-Default-Paradigma spiegelt sich unter anderem in der Ausgestaltung von Leistungsmodellen, in der Struktur klinischer Studien sowie in fehlenden geschlechterdifferenzierten Kosten- und Nutzungsdaten wider. Die Folge sind verzögerte Diagnosen, erhöhte Eigenleistungen der Betroffenen sowie vermeidbare langfristige Folgekosten – auch in Gesundheitssystemen mit obligatorischer Grundversicherung und einheitlichen Prämien.
Gleichzeitig wurden im Rahmen der Diskussion konkrete Lösungsansätze aufgezeigt. Beispiele aus den Niederlanden und den nordischen Ländern verdeutlichen, dass Versicherer und Arbeitgeber vermehrt frauenspezifische Leistungen wie Menopause-Beratungen, Beckenbodenphysiotherapie oder lebensphasenorientierte Präventionsangebote integrieren. Diese Ansätze zeigen, dass geschlechtersensible Versorgungs- und Versicherungsmodelle umsetzbar sind und bei entsprechender Ausgestaltung auch kurzfristige gesundheitsökonomische Effekte erzielen können.
„Ohne geschlechterdifferenzierte Daten bleibt strukturelle Ungleichheit im Gesundheitssystem unsichtbar.“
Dr. Christoph Nabholz, RiskInsight Consulting
Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion war der Mangel an belastbaren, geschlechterdifferenzierten Daten. Insbesondere in der klinischen Forschung, in Routinedaten der Versorgung sowie in digitalen Gesundheitsanwendungen bestehen erhebliche Lücken, die zu Verzerrungen in Evidenz, Regulierung und Innovation führen. Das Panel betonte die Notwendigkeit neuer Daten- und Evidenzarchitekturen, klarer regulatorischer Anforderungen sowie geeigneter Anreizsysteme, um Investitionen in frauenspezifische Forschung, Prävention und Versorgung nachhaltig zu fördern.
Die zentrale Schlussfolgerung des Panels lautet: Der notwendige Entwicklungsschritt führt von Sensibilisierung hin zur strukturellen Umsetzung. Systemischer Wandel erfordert koordinierte Zusammenarbeit über Sektorgrenzen hinweg, belastbare Daten als Entscheidungsgrundlage sowie Verantwortlichkeit bei allen Akteuren. Nur so können Gesundheitssysteme künftig die Lebensrealitäten von Frauen angemessen berücksichtigen und einen nachhaltigen Beitrag zu besseren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Ergebnissen leisten.
Author: Christoph Nabholz, CEO, RiskInsight Consulting GmbH
- Closing the women’s health gap: A $1 trillion opportunity to improve lives and economies (World Economic Forum in collaboration with McKinsey Health Institute) 2024
- Blueprint to Close the Women’s Health Gap: How to Improve Lives and Economies for All (World Economic Forum in collaboration with McKinsey Health Institute) 2025
Aus unserem Newsletter.
Abonnieren Sie unseren Newsletter hier.
Hier finden Sie unser Newsletter-Archiv.




