History? HERstory!

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Lichtgestalt inmitten der Dunklen Materie

“From the lab to the Olympic podium to the Oval Office, America still has a problem with women when they’re good at the things men have long reserved for themselves.”

Die Erkenntnis steht in einem Nachruf für die aussergewöhnliche Wissenschaftlerin Vera Cooper Rubin, die Weihnachten 2016 im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Sie kennen Vera Rubin nicht? Dann befinden Sie sich in grosser Gesellschaft: Kaum jemand hätte vor Weihnachten den Namen plazieren können, und die Tatsache, dass immerhin ihr Hinschied in den Nachrichtensendungen am Schweizer Radio und in der deutschen Tagesschau erwähnt worden ist, erweckte auch keine Neugier. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass die Astronomin in ihren Forschungen bahnbrechende Erkenntnisse zur Rotation von Galaxien und zu Dunkler Materie gewonnen hat.

Damit teilt sie das Schicksal einer Reihe von Wissenschaftlerinnen, denen Entwicklungen und Entdeckungen von grosser Bedeutung zugeschrieben werden, für die jedoch ihre Kollegen oder Vorgesetzten den Nobelpreis bekamen.

Für junge Frauen:
Auf der Suche nach einem weiblichen Vorbild? Dann entdecken Sie eines in einem sehr schönen Nachruf auf die Wissenschaftlerin, geschrieben von Hanna Wick, einer Wissenschaftsjournalistin bei «SRF Schweizer Radio und Fernsehen». Sie hat diesen Text am 12. Januar im Rahmen der Zürcher «Winterreden 2017» vorgetragen.

 

 


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Fehlende Rollenvorbilder? Ach was!

Wir kennen sie ja, die Klagen von Frauen, die mit ihrer beruflichen Situation nicht zufrieden sind. Sie haben Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts (damals weitgehend berechtigt) begonnen und sich 45 Jahre später – inzwischen unberechtigt – nur minim verändert: Die „Rahmenbedingungen“ stimmen nicht. Die staatlich geförderte Kinderbetreuung lässt immer noch auf sich warten. Die individuell vereinbarte Arbeitszeit ebenso. Die Lohngleichheit ist auch noch nicht erreicht, und die guten Jobs gibt man immer noch eher den Männern als den Frauen. Das Signal, das jungen Frauen so am Beginn ihrer Laufbahn übermittelt wird, ist: „Frauen sind nach wie vor nicht gefragt, werden nicht fair behandelt, sind immer noch benachteiligt. Vergiss es!“ Doch heute sollte dieses Signal heissen: „Dies ist deine Stunde – nutze sie!“

„Whatever women do, they must do twice as well as men to be thought half as good. Luckily this is not difficult.“

Charlotte Elizabeth Whitton
Kanadische Politikerin, Ottawa; 1. Bürgermeisterin einer
kanadischen Grossstadt

Denn es gibt für sie noch eine Zusatzbotschaft, und die heisst: „Na und?“ Die Rahmenbedingungen stimmen nie ganz; die meisten Männer bekommen ihre Jobs auch nicht auf dem Silbertablett, und Frauen könnten sich wohl kaum ihren Begabungen und Interessen gemäss entfalten, wenn sie von staatlicher Förderung abhängig wären. Und: Sie sind 51 Prozent der Menschheit. Also bleibt nur die Flucht nach vorn – allerdings mit einem Blick zurück auf die stattliche Reihe von Frauen, die sich nicht in die ihnen zugedachten Ablagefächer eingefügt haben. Nur die wenigsten von ihnen waren auf ihre Herausforderungen vorbereitet, aber sie haben ihre Chancen erkannt und ergriffen. Sie handelten innerhalb männlicher Strukturen, haben Neuland betreten und sich in ungewöhnlichen Situationen bewähren müssen.

Das sind die Rollenvorbilder, an denen sich Frauen orientieren können. In dunklen Momenten, wenn gar nichts mehr zu gehen scheint, kann man daran denken, was für Barrieren diese Frauen haben überwinden müssen und wie sie das getan haben. Dafür schulden wir ihnen Dank, und das Wenigste, was wir für sie tun können, ist, sie davor zu retten, vergessen, verleumdet oder verniedlicht zu werden.

Hier geht es also um HERstory – und wir beginnen mit einer Erfolgsgeschichte aus dem vorigen Jahrhundert in Zürich.


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Zwei Pionierinnen erobern den Medikamentenmarkt

Lange, bevor die grossen Pharmafirmen auf dem Medikamentenmarkt erfolgreich waren, hat es zwei Schweizerinnen gegeben, die sowohl Forscherinnen als auch begabte Unternehmerinnen waren.

Hermine Raths (1906-1986) studiert Pharmazie und Marguerite Steiger (1909-1990) Chemie, beide doktorieren in den 1930er-Jahren an der ETH Zürich – Marguerite Steiger übrigens als erste Schweizerin, die an der ETH in Chemie promoviert.

Die Frauen spannen zusammen und kaufen noch als Studentinnen die älteste Apotheke Zürichs an der Marktgasse 6. Engagiert, wagemutig und innovativ erarbeiten sie sich Schritt für Schritt ein kleines Firmenimperium für den Vertrieb von Medikamenten – von künstlichen Hormonen über Antibiotika bis zu Babypuder. Dabei leisten sie wissenschaftlich und unternehmerisch Ausserordentliches: So erwirbt Marguerite Steiger zum Beispiel die Importlizenz für Penicillin, bevor die Konkurrenz die Wirkung dieses Wundermittels erkennt.

H. Raths

Aber auch mit der Einrichtung einer Stiftung zur Förderung von naturwissenschaftlichen und pharmazeutischen Forschungsprojekten gehen sie neue Wege. Die Stiftung ist heute noch sehr aktiv, und unser Mitglied Dr. Dorothee Padrutt, ehemals Präsidentin des Apothekerverbands des Kantons Zürich, ist seit vielen Jahren als Stiftungsrätin und Beirätin mit ihr verbunden. Die Wirkung der erfolgreichen Unternehmerinnen ist heute noch spürbar: Wir danken der Stiftung sehr herzlich für die Anschubfinanzierung unseres Projekts.

M. Steiger

Die Geschichte der Apothekerin Hermine Raths und der Chemikerin Marguerite Steiger ist die von zwei unerschrockenen Frauen und gleichzeitig ein Stück Pharmageschichte. Dies hat der Schweizer Radiosender SRF2 Kultur mit einer Radiosendung gewürdigt, in der auch Dorothee Padrutt mehrfach zu Wort kommt.

Lassen Sie sich inspirieren von zwei Pionierinnen, die in idealer Weise als role models für innovative Jungunternehmerinnen gelten können.


Wer mehr über Leben und Werk von Hermine Raths und Marguerite Steiger erfahren möchte, sei auf das vom Historiker Martin Schmid verfasste Buch «Man muss nur etwas daraus machen – Das Lebenswerk von Marguerite Steiger und Hermine Raths» (Zürich 2005) verwiesen. Es kann bei der Geschäftsstelle der OPO-Stiftung für CHF 50.- bestellt werden.


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